Stallbrandprävention Großtierrettung: Für den Ernstfall gerüstet
19.10.2026
Bei einem Brand zählt jede Sekunde. Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) erklärt, welche Schutzmaßnahmen für landwirtschaftliche Betriebe relevant sind und wie sie sich gezielt auf den Ernstfall vorbereiten können.
Auf dem Friedrichshof in Gründau mit rund 790 Milchkühen hat Betriebsleiter Manuel Schneider umfassende Vorkehrungen für eine mögliche Großtierrettung getroffen. Das gesamte Betriebsgelände ist vollständig umzäunt. Eine ebenfalls umzäunte Grünfläche in Hofnähe kann im Einsatzfall als Sammelplatz für die Tiere genutzt werden. Der örtlichen Feuerwehr liegt ein objektbezogener Einsatzplan vor. Darin sind unter anderem Löschwasserentnahmestellen, Zufahrten und Gefahrenbereiche festgelegt. Das schafft für die Einsatzkräfte eine wichtige Orientierung und ermöglicht gezieltes Vorgehen. Darüber hinaus sind auf dem Betriebsgelände zahlreiche Feuerlöscher platziert. Manuel Schneider unterweist seine Beschäftigten über den Einsatz von Löschmitteln und das nötige Verhalten im Brandfall. Dabei stellt er klar, dass die Sicherheit von Personen bzw. der Eigenschutz immer Vorrang vor der Tierrettung hat.
Fortbildungen sind ein Muss
Über das Gefahrenabwehrzentrum des Main-Kinzig-Kreises bietet Tierarzt Dr. Thomas Haupt gemeinsam mit Manuel Schneider Schulungen für Feuerwehrkräfte zur Großtierrettung an. Im Zuge der zweitägigen Fortbildung auf mehreren landwirtschaftlichen Betrieben werden die Teilnehmenden theoretisch und praktisch auf mögliche Einsatzsituationen vorbereitet. Denn nur wer die Risiken vorausschauend einschätzen kann, Handlungsoptionen kennt und mit den betriebsspezifischen Gegebenheiten vertraut ist, kann Menschen und Tiere wirksam schützen und Schäden möglichst begrenzen. Prävention, Ausbildung und eine frühzeitige Abstimmung zwischen Landwirtschaft und Feuerwehr schaffen hierfür wichtige Voraussetzungen. Die Schulung von Einsatzkräften ist daher ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitungen.
Bei den Schulungen zur Großtierrettung bildet die Vermittlung von Sinneswahrnehmungen und Verhaltensweisen der Tiere die Basis. Darüber hinaus werden Risiken, Strategien und Einsatzverfahren sowie das Personenmanagement behandelt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, wie sich die Einsatzsituation auf die Tiere auswirkt. Blinkende Einsatzfahrzeuge, laute Warnsignale und ungewohnte Bewegungen können bei ihnen unvorhersehbare Reaktionen auslösen. Nur wer die möglichen Reaktionen kennt, kann im Einsatz gegensteuern. Neben der Tierrettung im Brandfall steht auch die technische Großtierrettung in der Schulung im Fokus. Anhand praxisnaher Einsatzszenarien wenden die Teilnehmenden die erlernten Kenntnisse an und erproben unterschiedliche Vorgehensweisen. Dadurch sammeln sie Erfahrungen und entwickeln Handlungsabläufe für den Ernstfall.
Brandschutzmaßnahmen sind unerlässlich
Neben Schulungen sind gezielte Brandschutzmaßnahmen und Kenntnisse über Brandursachen wichtig, um Risiken genau einschätzen zu können. Fehlerhafte elektrische Anlagen sind beispielsweise für etwa 30 Prozent der Brände in landwirtschaftlichen Betrieben verantwortlich. Die vorgeschriebene turnusmäßige Prüfung der elektrischen Anlage durch eine Elektrofachkraft ist daher eine wichtige Präventionsmaßnahme. Regelmäßig sollte auch die Prüftaste der FI-Schutzschalter betätigt werden. Geeignete funktionstüchtige Feuerlöscher in ausreichender Anzahl können bei einem Kleinbrand helfen, einen Millionenschaden zu verhindern. Wer mit deren Bedienung vertraut ist, weiß im Notfall, was zu tun ist.
Vorbereitung ist alles
Organisatorische Maßnahmen tragen zu einer schnellen Tierrettung bei und unterstützen die weitere Brandbekämpfung. Geeignetes Equipment zur Evakuierung sollte schnell verfüg-bar sein. Dazu gehören einfache Gegenstände wie Halfterstricke, Abdeckungen für Gülleabwurfschächte und Panels, mit denen Absperrungen aufgebaut oder Gatter errichtet werden können. Durch Einsatzübungen auf den Betrieben können Ortskenntnisse erlangt, betriebliche Besonderheiten berücksichtigt und Einblicke in die Betriebsabläufe gewonnen werden. Da jeder landwirtschaftliche Betrieb individuell ist, sollten betriebsspezifische Einsatzpläne erarbeitet werden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse ermöglichen es, Feuerwehrübungen und auch Einsätze zielgerichtet und schnell durchzuführen.
Tierverhalten berücksichtigen
Rinder in der Anbindehaltung können im Brandfall leichter evakuiert werden. Im Gegensatz zu im Laufstall gehaltenen Tieren sind sie daran gewöhnt, am Halfterstrick geführt zu werden. Einsatzerfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass freilaufende Rinder in Gefahrensituationen bevorzugt in ihrer gewohnten Umgebung bleiben oder dahin zurückkehren. Auch bauliche Gegebenheiten können ihre Rettung erschweren. Dazu gehören zum Beispiel fehlende Öffnungen in der Stallhülle, die als Fluchtweg genutzt werden können. Da Rinder instinktiv lieber ins Helle laufen, hilft die richtige Ausleuchtung des Zielbereiches, die Tiere schnell oder überhaupt aus dem Stall zu treiben.
Die Rettung von Großtieren erfordert spezifische Kenntnisse. Im ländlichen Raum waren Landwirtinnen und Landwirte schon immer eine wichtige Stütze bei der Brandbekämpfung und häufig traditionell in der Feuerwehr aktiv. Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft gibt es heute jedoch immer weniger greifbares Fachpersonal bei den Ortsfeuerwehren, das bei der Tierrettung unterstützen kann. Mancherorts gibt es keine Tierhaltenden mehr. Gleichzeitig werden die tierhaltenden Betriebe und deren Stallungen immer größer. Wenn kein Fachpersonal mit Kenntnissen im Umgang mit Tieren verfügbar ist, müssen die Feuerwehreinsatzkräfte darin geschult oder zumindest unterwiesen werden. Besser ist jedoch der Einsatz von tierhaltenden Landwirtinnen und Landwirten. Diese Personen sollten dem Einsatzleiter bekannt sein, damit sie gezielt alarmiert werden können. Dabei kann es sich um Beschäftigte, Freunde, Betriebshelfer oder Familienmitglieder handeln, die den Betrieb gut kennen.
Informations- und Kompetenzportal für Stallbrandprävention
Neben den Maßnahmen auf den einzelnen Betrieben sind auch übergreifende Informationen von Bedeutung. Über den ALB Bayern e. V. wird derzeit das Projekt „Stallbrand vermeiden“ unter Beteiligung weiterer Organisationen koordiniert.
Auf der Internetseite www.alb-bayern.de/stallbrandvermeiden sollen gebündelte Informationen für Landwirtinnen und Landwirte, Tierärztinnen und Tierärzte sowie Feuerwehrleute verfügbar gemacht werden. Die Plattform soll laufend um weitere Inhalte ergänzt werden und Wissen zur Stallbrandprävention, zur Vorbereitung auf den Einsatzfall und zur Großtierrettung bündeln. An der Hochschule Weihenstephan Triesdorf wurde zudem im Rahmen eines Forschungsprojektes zur Großtierrettung im Brandfall ein Leitfaden zur Erstellung eines Mustereinsatzplans erarbeitet. Dieser soll bald auch digital verfügbar sein.
In der Ausgabe 2/2026 des Mitgliedermagazins „Alles SVLFG“ bietet die SVLFG in den Artikeln „Katastrophenmanagement: Brand im Milchviehstall“ sowie „Elektro-Check nicht aufschieben“ weitere Informationen zum Thema. Das Magazin steht zum Download zur Verfügung:
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