Ausbildung als Wohlfühlort
Interview mit zwei Ausbildungsverantwortlichen der Stadt Bielefeld
Im Rahmen unserer Initiative „AzubiAktiv – fit for green“ hat Nicole Wichmann, SVLFG, mit den Ausbildungsverantwortlichen des Umweltbetriebes der Stadt Bielefeld Sandra Möller und Malte Ihlenfeld gesprochen. Beide haben das Ausbilderseminar der SVLFG besucht. Sie gestalten seit vielen Jahren die Ausbildung im Garten- und Landschaftsbau der Stadt maßgeblich mit und bringen ihre Erfahrung aus Praxis, Teamführung und Azubibetreuung in die tägliche Arbeit ein.
Wie sieht die Ausbildung im Stadtgrün bei Ihnen aus?
Sandra Möller: In der Stadtverwaltung Bielefeld gibt es insgesamt über 30 Ausbildungsberufe. Im Umweltbetrieb sind Sandra Möller und Malte Ihlenfeld für die Fachrichtung Gärtner/Gärtnerin im Garten- und Landschaftsbau zusammen mit einem weiteren Meister und drei Praxisanleitern zuständig. Aktuell betreuen sie 20 Auszubildende, darunter auch Dualstudierende und Werker.
Malte Ihlenfeld: Unsere Azubis arbeiten im Grunde wie in einem kleinen mittelständischen Betrieb: Sie legen Wege und Plätze an, bauen Spielgeräte auf und arbeiten auf Schulhöfen, in Kindergärten, Grünanlagen oder auch auf technischen Anlagen der Stadt.Sie sprechen von besonderen Lernorten – was macht diese aus?
Sandra Möller: Ein Highlight ist unser Tierpark Olderdissen mit dem historischen Garten, in dem wir alte Gemüsesorten anbauen. Dieser Garten war ursprünglich ein Projekt zum 800-jährigen Stadtjubiläum und wird bis heute von unseren Auszubildenden gepflegt.
Malte Ihlenfeld: Dazu kommen zwei Friedhöfe, die wir im Ausbildungsverbund pflegen, sowie unser eigener Schulgarten am Betriebshof mit mindestens 50 prüfungsrelevanten, beschilderten Pflanzen – ein echter Lerncampus im Grünen.
Wie schaffen Sie es, dass Ihre Azubis so motiviert sind?
Malte Ihlenfeld: Wir haben eine sehr positive Grundstimmung im Team, wir kennen uns lange und verstehen uns gut – das spüren die Auszubildenden sofort. Viele kommen morgens freiwillig früher, trinken gemeinsam einen Kaffee und erleben: Man freut sich, dass ich da bin.
Sandra Möller: Uns ist wichtig, dass sich die jungen Leute bei uns wirklich wohlfühlen. Sie werden vom ersten Tag an als Teil des Teams wahrgenommen – das ist mehr als ein formaler Ausbildungsstart.
Was tun Sie konkret für ein gutes Onboarding?
Sandra Möller: Wir veranstalten vor Ausbildungsbeginn immer eine gemeinsame Aktion – etwa eine Paddeltour, eine Wanderung oder, wie zuletzt, einen Grillabend mit Kennenlernspielen. So kommen die neuen Azubis am ersten Tag nicht in eine völlig unbekannte Umgebung. Sobald jemand eine Einstellungszusage hat, bekommt er über das Personalamt schon mal eine offizielle Geburtstagskarte und auch Weihnachtsgrüße. Das sind standardisierte Abläufe, aber für die jungen Leute klare Signale: Man denkt an mich, ich bin bereits Teil der Organisation.
Malte Ihlenfeld: Wenn sie anfangen, ist alles vorbereitet: Sie sind komplett eingekleidet, haben ihren eigenen Spind mit Namensschild, ihr Fach im Regal ist eingerichtet und ihr Name steht bereits auf der Einteilungstafel. Das signalisiert: Du gehörst hierher, wir haben auf dich gewartet.
Wie führen Sie junge Menschen an Eigenverantwortung heran?
Sandra Möller: Viele kennen Eigenverantwortung gar nicht, weil sie es in der Schule nicht üben konnten. Ein eigenes Krankmelden ist da schon ein großer Schritt. Wir führen sie deshalb langsam heran, mit unterschiedlichen Erwartungen je nach Alter und Reife.
Malte Ihlenfeld: Ein Beispiel ist unsere Pflegerunde am Freitag: Ältere Lehrjahre übernehmen dort eigenständig die Pflege und nehmen ein erstes Lehrjahr mit. Die Älteren geben Anleitung, planen Material und Zeit – so wächst Verantwortung Schritt für Schritt.
Fehler gehören dazu – aber wie gehen Sie konkret damit um?
Malte Ihlenfeld: Für uns ist klar: Das sind Auszubildende, die dürfen Fehler machen, die müssen Fehler machen. Manchmal lassen wir sie bewusst in einen Fehler hineinlaufen und schauen uns am nächsten Tag gemeinsam das Ergebnis an.
Sandra Möller: Wichtig ist, dass sie keine Angst haben müssen – weder bei einer Beule im Fahrzeug noch bei schiefen Kantensteinen. Wir reflektieren, was passiert ist, und entwickeln gemeinsam, wie es beim nächsten Mal besser laufen kann.
Sie haben eine wöchentliche Feedbackrunde – wie funktioniert die?
Sandra Möller: Am Ende jeder Woche gibt es ein Feedback zur Baustelle. Das Besondere: Es geht in beide Richtungen – wir geben Rückmeldung, und die Azubis geben uns welche.
Malte Ihlenfeld: Wenn ein Vorarbeiter mal „schlecht drauf“ war, dürfen sie das sagen. Feedback ist für uns kein Einbahnstraßen-Instrument, sondern gelebte Kultur.
Wie ist Gesundheit und Sicherheit in der Ausbildung verankert?
Sandra Möller: Für uns ist das selbstverständlich und Teil des Alltags: Pausenregelungen, insbesondere für Minderjährige, werden strikt eingehalten. Wir nutzen arbeitsmedizinische Vorsorge und achten darauf, dass gesundheitliche Themen präsent bleiben.
Malte Ihlenfeld: Alle Auszubildenden und Praxisanleiter werden als Ersthelfer geschult. Wir arbeiten dafür mit einem Anbieter, der Outdoor-Erste-Hilfe direkt auf typische GaLaBau-Szenarien zuschneidet – mit realistischen Übungen, wie sie auf Baustellen vorkommen. Die Outdoor-Erste-Hilfe-Ausbildung bereitet die Azubis sehr realitätsnah auf typische Verletzungen im Grünbereich vor. Das gibt ihnen Sicherheit und Handlungskompetenz. In den Fahrzeugen haben wir zudem Erste-Hilfe-Material, Augenspülungen und Kühlpacks.
Welche Ausstattung und Persönliche Schutzausrüstung stellen Sie Ihren Auszubildenden zur Verfügung?
Sandra Möller: Sie erhalten vom ersten Tag an hochwertige Arbeitskleidung – Sicherheitsschuhe, Hosen, Fleece- und Regenjacken, T-Shirts, Pullover – und wir bieten einen Waschservice. Im zweiten Lehrjahr kommt eine persönliche Motorsägenausrüstung mit Schnittschutzhose dazu.
Malte Ihlenfeld: Wir haben die Aufgabe, Gefährdungen zu beurteilen und geeignete Schutzmaßnahmen bereitzustellen. Dazu gehört Sonnenschutz, Wasserkisten, ein Hautschutzprogramm mit Cremes sowie Zecken- und Mückenschutz. Schutzkleidung ist bei uns nicht verhandelbar. Weil sie gut und bequem ist, müssen wir darüber aber kaum diskutieren.
Können die Azubis eigene Ideen einbringen?
Malte Ihlenfeld: Grundsätzlich sind wir offen für Ideen, wobei konkrete Vorschläge eher selten sind. Häufiger hinterfragen die Auszubildenden Abläufe und möchten wissen, ob man etwas anders machen kann. Das ist ausdrücklich erwünscht.
Sandra Möller: Ein schönes Beispiel ist unsere „UWB-Box“: Die Azubis störten sich daran, dass Pflastersteine in Folie verpackt werden. Sie entwickelten daraufhin Holzkisten, die sich über die Palette setzen lassen und ganz ohne Einmalfolie auskommen.
Was war Ihnen an diesem Nachhaltigkeitsprojekt besonders wichtig?
Malte Ihlenfeld: Die Idee kam direkt aus dem Alltag der Azubis, aus ihrem Erleben von unnötigem Müll. In Teams haben sie Lösungen entwickelt und praktisch umgesetzt – das ist gelebte Verantwortung für Ressourcen und Umwelt.
Sandra Möller: Solche Projekte zeigen ihnen, dass sie Dinge verändern können und ihre Perspektive zählt. Das stärkt nicht nur das Umweltbewusstsein, sondern auch das Selbstbewusstsein.
Welche Chancen sehen Sie im öffentlichen Ausbildungsumfeld?
Sandra Möller: Wir müssen mit unseren Baustellen keinen Gewinn erwirtschaften – das nimmt Druck heraus. Wir können Auszubildenden bewusst Zeit zum Lernen geben und sie auch einmal früher aus einer Aufgabe herausnehmen, wenn Konzentration oder Kräfte nachlassen.
Malte Ihlenfeld: Das macht es einfacher, eine Kultur zu leben, in der Entwicklung, Fehler und Gesundheit Priorität haben. Die jungen Leute spüren, dass sie nicht „durchbetrieben“ werden.
Wo liegen die Grenzen der kommunalen Ausbildung?
Malte Ihlenfeld: Bestimmte Dinge können wir im städtischen Portfolio kaum abbilden, etwa Schwimmteichbau oder spezielle Dachbegrünungen. Dafür nutzen wir Praktika in spezialisierten Betrieben, sofern diese als anerkannte Ausbildungsbetriebe registriert sind.
Wie erfolgreich sind Ihre ehemaligen Auszubildenden später?
Sandra Möller: Unsere Ehemaligen kommen in der freien Wirtschaft gut an. Viele entwickeln sich weiter – bis hin zu Meistertitel, Vorarbeiterposition oder sogar Selbstständigkeit.
Malte Ihlenfeld: Besonders stolz sind wir, wenn ehemalige Azubis heute selbst Verantwortung übernehmen – etwa als Vorarbeiter oder in Prüfungsausschüssen. Dann sieht man, dass sich der gemeinsame Weg gelohnt hat.
Was können andere Ausbilder aus Ihrer Arbeit mitnehmen?
Malte Ihlenfeld: Empathie ist zentral: Die Lebenssituation der jungen Menschen ernst nehmen, verstehen, wo sie herkommen, und ihre Entwicklung bewusst begleiten.
Sandra Möller: Und Kommunikation: im Gespräch bleiben, Sinnzusammenhänge erklären, Feedback geben und auch Kritik der Azubis als Chance sehen. So entsteht eine Ausbildung, in der Gesundheit, Sicherheit und Wertschätzung ganz selbstverständlich zusammengehören.
Vielen Dank für das Interview.