Kraft tanken für zwei

27.01.2020 

Silvia Müller aus Homberg an der Ohm hat zusammen mit ihrer an Demenz erkrankten Schwiegermutter an einem der ersten Pflege-Tandems der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) im bayerischen Bad Bocklet teilgenommen.

Eine jüngere und eine ältere Frau sitzen nebeneinander und lächeln sich an. Dabei hat die jüngere Frau ihren Arm um die ältere Frau gelegt. 
Silvia Müller (links) und ihre Schwiegermutter profitierten gemeinsam vom Pflege-Tandem. Foto: SVLFG 


Das Pflege-Tandem ist ein Präventionsangebot der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) für pflegebedürftige Versicherte der Landwirtschaftlichen Pflegekasse (LPK) und für deren Angehörige. Es richtet sich an pflegende Menschen, die selbst etwas für ihre Gesundheit tun möchten, ihre pflegebedürftigen Angehörigen aber in dieser Zeit nicht alleine zuhause lassen möchten.

Seit kurzem können sie im unterfränkischen Bad Bocklet gemeinsam an einer Gesundheitswoche teilnehmen. Je nach Bedarf wohnen beide in einem Zimmer oder getrennt. Während die pflegebedürftigen Angehörigen in einer nahegelegenen Tagespflegeeinrichtung liebevoll und kompetent betreut werden, lernen die pflegenden Angehörigen Bewegungs- und Entspannungsübungen, mit denen sie ihre Gesundheit stärken können. Im Pflegekurs werden ihnen Hilfs- und Unterstützungsangebote vorgestellt, die den Pflegealltag erleichtern. Pflegeberater vor Ort helfen dabei, herauszufinden, wie die konkrete häusliche Pflegesituation verbessert werden kann. Vorträge informieren unter anderem über Demenz, zu Leistungen der Pflegekasse oder Erster Hilfe. Am späteren Nachmittag und Abend gibt es ein gemeinsames Programm. Das Pflege-Tandem wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege und wurde 2019 mit dem Bayerischen Präventionspreis in der Kategorie „Prävention im Alter“ ausgezeichnet.

Besser in die Pflegebedürftigen hineindenken

Silvia Müller pflegt ihre Schwiegermutter schon lange Jahre. Für sie ist es besonders wichtig, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um sich zu regenerieren. Im Pflege-Tandem sieht sie dafür eine gute Chance.

Besonders wertvoll waren für Silvia Müller die Informationen zur Demenz. Seitdem versteht sie die Lebenswelt ihrer Schwiegermutter besser. Das gibt Silvia Müller Kraft. „Ich habe jetzt verstanden, warum meine Schwiegermutter jeden Morgen alles komplett vergessen hat und ich ihr den Tagesablauf neu erklären muss. Sie kann nichts dafür und macht das nicht mit Absicht.“

Besonders hilfreich war es für Silvia Müller, während der Gesundheitswoche zu erleben, dass andere Menschen in der gleichen Situation sind. Denn anderen Betroffenen ging es ganz ähnlich. Für einen pflegenden Ehemann war es eine Erleichterung, zu hören, dass der Krankheitsverlauf bei seiner Frau normal ist. „Der Demenzvortrag und die Gespräche mit den anderen Kursteilnehmern haben mir geholfen, die Situation besser zu akzeptieren“, sagt er nachdenklich. „Bis vor kurzem konnte ich das nicht. Darüber wäre ich selber fast krank geworden. Jetzt kann ich sagen, ich tue alles Menschenmögliche, aber ich kann die Krankheit meiner Frau trotzdem nicht ändern. Es ist, wie es ist.“

Aus den anderen Vorträgen konnte Silvia Müller unter anderem Informationen zur Verhinderungspflege und zum Entlastungsgeld mitnehmen. „Das war so gut erklärt, dass ich endlich verstanden habe, was ich damit machen kann.“

Entspannung und Sport haben gut getan

„Das Programm beinhaltete verschiedene Entspannungs- und Sportangebote. Schon der Start in den Tag mit der Morgengymnastik hat mir gut getan“, sagt sie. Besonders lobte Silvia Müller die Einführung in das SVLFG-Angebot „Trittsicher durchs Leben“: „Wir haben zusammen mit den Pflegebedürftigen Übungen zur Sturzprävention gemacht. Jeder konnte dabei nach seinen Fähigkeiten trainieren. Das war interessant und hat Spaß gemacht.“

Neben dem Kursprogramm konnte Silvia Müller auch noch etwas Freizeit genießen. Da Müller zuhause neben der Pflege von Mutter und Schwiegermutter auch den Haushalt führt, war es für sie schön, einige Tage nicht selber kochen und aufräumen zu müssen, sondern die Mahlzeiten einfach serviert zu bekommen. Die Schwiegermutter hat das fremde Umfeld erstaunlich gut verkraftet. „Sie war zwar etwas unsicher, hat aber alle Angebote der Tagespflege mitgemacht, konnte gut schlafen und wirkte alles in allem sehr zufrieden“, freut sich Silvia Müller. Nachdem das so gut geklappt hat, hat sie ihre Schwiegermutter jetzt auch zuhause bei der Tagespflege angemeldet.

Hilfsmittel richtig einsetzen

Andere Kursteilnehmer bestätigten die Einschätzung von Silvia Müller und lobten außerdem die gut durchdachte Konzeption der Gesundheitswoche. Manche bedauern, dass der Aufenthalt nicht noch einige Tage länger dauerte. „Das Angebot war so abwechslungsreich und interessant, dass ich keinen einzigen Punkt ausgelassen habe“, würdigt ein Teilnehmer das Programm. Auch Pflegende mit viel Vorwissen lernten Neues: „Mit Hilfsmitteln hatte ich mich zum Beispiel noch nicht so beschäftigt. Es war gut zu erfahren, was es gibt und wie man die Hilfsmittel richtig einsetzt“, so eine der Rückmeldungen.

In der Gruppe haben sich die Teilnehmer sehr wohl gefühlt. Aus dieser Gemeinschaft heraus seien auch Freundschaften gewachsen, die noch andauern. Ähnlich wie Silvia Müller haben den meisten Teilnehmern die Bewegungsangebote besonders gut getan: „Ich bin gerne in der Natur. Das Nordic Walking hat mir viel gebracht“, so ein Teilnehmer aus Niederbayern. Auch mit der Unterbringung, der Verpflegung und dem Rahmenprogramm waren die Teilnehmer zufrieden. Zum Entspannen standen Schwimmbad oder Sauna zur Verfügung.

Gut aufgehoben in der Tagespflege

Viele der Pflegenden waren erstaunt, wie gut ihre Angehörigen mit dem fremden Umfeld und den Pflegekräften zurechtgekommen sind. „Meiner Frau hat es in der Tagespflege sehr gut gefallen. Die Gruppe war altersmäßig gut gemischt. Das kam ihr entgegen. Sie genoss die Gemeinsamkeit, das Singen, den Ausflug nach Bad Kissingen und die Kommunikation mit den anderen“, resümierte ein pflegender Ehemann aus Norddeutschland. Jetzt sei wohl auch zuhause die Hürde nicht mehr so hoch, eine Tagespflege zu besuchen, wenn es notwendig wäre. Ein anderer Teilnehmer überlegte, ob er nicht sogar einmal alleine an einer der SVLFG-Trainings- und Erholungswochen teilnehmen könnte. „Dafür müsste meine Frau aber in eine Kurzzeitpflegeeinrichtung.“ Nachdem sie sich beim Pflege-Tandem in der Tagespflege so wohl gefühlt hatte, rückt diese Möglichkeit für ihn nun in greifbare Nähe.

Weitere Infos

Ob eine Teilnahme am Pflege-Tandem möglich ist, klärt ein persönliches Gespräch mit einem SVLFG-Pflegeberater. Eine Bedingung ist, dass der pflegebedürftige Angehörige bei der LPK versichert ist. Weitere Informationen unter www.svlfg.de/gleichgewicht.



Ansprechpartner 

Das steckt hinter dem Pflege-Tandem


Die Gesundheitswoche „Pflege-Tandem“ der SVLFG findet zu verschiedenen Terminen in Bad Bocklet statt. Das Besondere: Zu dieser Trainings- und Erholungswoche für pflegende Angehörige können pflegende Menschen ihre pflegebedürftigen Angehörigen mitnehmen. Je nach Bedarf wohnen beide in einem gemeinsamen Zimmer oder getrennt. Während dieser sieben Tage erhalten die Pflegenden Anleitung, Beratung und Tipps für ihren häuslichen Pflegealltag. In kleinen Seminargruppen werden sie durch Fachleute in allen Aspekten der Pflege geschult und lernen, wie sie ihre Angehörigen pflegen können, ohne sich dabei selbst zu übelasten. Darüber hinaus bleibt Zeit für Erholung und Entspannung, sowie für den Erfahrungsaustausch mit anderen Teilnehmern. Das Angebot wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert.

Teilnehmen dürfen Pflegende aus dem gesamten Bundesgebiet, die eine Person pflegen, die Anspruch auf Leistungen der Landwirtschaftlichen Pflegekasse hat. Für Unterkunft und Vollpension ist für den pflegenden Angehörigeneine Eigenbeteiligung von 99 Euro zu zahlen. Die Kosten für den Pflegebedürftigen sind individuell abhängig von Unterbringung und Pflegegrad. Vorab klärt ein persönliches Gespräch mit einem SVLFG-Pflegeberater, ob im konkreten Fall eine Teilnahme am Pflege-Tandem möglich und sinnvoll ist oder ob ein anderes Gesundheitsangebot besser passt.

Eine Personengruppe lächelt in die Kamera. 
Silvia Müller (links) und ihre Schwiegermutter profitierten gemeinsam vom Pflege-Tandem. Foto: SVLFG