EU-Projekt Safe Habitus
Mit 20 Projektteilnehmenden aus 13 Ländern arbeiten wir im Projekt Safe Habitus an der Verbesserung des Arbeitsschutzes in der Grünen Branche in Deutschland und Europa.
Gemeinsam Gesundheit und Sicherheit der Grünen Branche in Europa verbessern!
Safe Habitus bedeutet die „Gestalt“ gesunder und sicherer Arbeit im umfassenden Sinne. Egal ob es nur eine Maschine oder ein Werkzeug ist oder der arbeitende Mensch im Zentrum steht. Die Gestalt gesunder Arbeit ist universell und ist auf allen Betrachtungsebenen erkennbar.
In einzurichtenden Communities of Practice (CoP), sogenannten „Praxisgemeinschaften“, werden ausgesuchten Fragestellung des Arbeitsschutzes auf den Grund gegangen und etwaigen Verbesserungsmöglichkeiten auf den Zahn gefühlt.
Wollen Sie in der Praxisgemeinschaft der SVLFG mitmachen?
Struktur- und Klimawandel, volatile Märkte und rechtliche Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Ansprüche und Veränderungsdruck, Arbeitskräftemangel, Bürokratiezunahme und Nachhaltigkeitsanforderungen sind erhebliche Herausforderungen für die Branche. Sie zu bewältigen kann nur gelingen, wenn der Mensch sicher und gesund im Mittelpunkt steht.
Sicherheit und Gesundheit, Wissen und Innovationen in der Landwirtschaft stärken
Gemeinsam mit 19 weiteren Institutionen aus 12 EU-Ländern sind wir, die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), als deutscher Verbundpartner an dem Projekt beteiligt. In dem vierjährigen Projektzeitraum (2023-2026) werden wir mit maßgeblicher Unterstützung von Vertretern der Branche und des Berufsstandes Fragestellungen zur Verbesserung des Arbeitsschutzes in Deutschland nachgehen.
„Community of Practice“
„Community of Practice“ (CoP), Gruppe von Praktikern
In einer CoP kommen Praktiker der Branche zusammen, um Wissen, Erfahrungen und Ideen in einer Gruppe gezielt auszutauschen und weiterzuentwickeln. Zudem werden spezifische nationale Anforderungen und Problemstellungen aufgezeigt und analysiert, innovative Lösungen hierfür erarbeitet sowie sichere und möglicherweise bereits etablierte Praktiken dargestellt. Dabei soll herausgearbeitet werden, was landwirtschaftliche Betriebe gegenüber dem Veränderungsdruck widerstandsfähiger macht, welche Rolle der Arbeitsschutz dabei einnimmt und wie dieser verbessert werden kann.
Was wird von Ihnen erwartet?
Sie bringen Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen zu ausgesuchten Fragestellungen ein, um diese in der CoPGruppe auszutauschen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Sie nehmen regelmäßig an den Treffen der nationalen CoP-Gruppe teil (2-4 Besprechungen im Jahr bis 2026, 1-2 tägig, z.T. online bzw. hybrid).
Was ist Ihr Nutzen? Wie werden Sie unterstützt?
Sie erhalten ein Zertifikat, welches Sie als Teilnehmer/Teilnehmerin am EU-Projekt ausweist und Sie mit ihrem Engagement im Arbeitsschutz auszeichnet. Wir organisieren, moderieren und unterstützen die Besprechungen der deutschen CoP-Gruppe, insbesondere präventionsfachlich. Wir steuern den Erkenntnisprozess transparent und verständlich, ebenso wie das Festhalten von Gesprächs- und Arbeitsergebnissen. Ihre Reise- und Aufenthaltskosten werden nach dem Bundesreiskostengesetz vergütet. Auslandsreisen werden für Sie nicht notwendig.
Machen Sie mit - zusammen mit der SVLFG!
Haben Sie Interesse, einen Beitrag für die Landwirtschaft in punkto Sicherheit und Gesundheit in Deutschland und Europa zu leisten? Melden Sie sich! Wir freuen uns.
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- Herr Klugmann
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Branchenreferent, Bereich Prävention
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- Frau Öztürk
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Referentin für internationale Beziehungen
Safe Habitus TECHNICAL NOTES
Im Rahmen des EU-Projekts Safe Habitus werden von jedem Land sog. „Technical Notes“ (TN) erarbeitet. Diese in Englisch verfassten Abhandlungen widmen sich vom Projekt vorgegebenen Themen und grundsätzlichen Fragestellungen des Arbeitsschutzes.
Die im Folgenden aufgelisteten TNs betreffen Deutschland und zeigen die aktuelle Situation sowie Herausforderungen für sicheres und gesundes Arbeiten in der Grünen Branche auf.
TN 2 befasst sich mit der SVLFG als Sozialversicherung für die Grüne Branche in Deutschland sowie der Etablierung und Zusammensetzung der deutschen Community of Practice (CoP). Die von der CoP im ersten Treffen eruierten Arbeitsschwerpunkte: „Kompetenz“, „Motivation“ und „Wohlbefinden“, die im Rahmen des Projekts behandelt werden sollen, werden dargestellt.
TN 3 zeigt auf, dass der nationale Arbeitsschutz den internationalen Vorgaben folgt und bildet die spezifischen Bedürfnisse des deutschen Versichertenkreises ab. In Anlehnung an die SVLFG-Unfallursachenstatistik und aktuelle Gesundheitsthemen werden drei ausschlaggebende Präventionsschwerpunkte herausgearbeitet: „Rinderhaltung“, „Traktoren und Maschinen“ sowie „Gesundheitsgefahren“.
TN 5 nimmt Traktoren und Maschinen in den Fokus. Neben einer deutschen Unfallanalyse, die technische und persönliche Aspekte herausarbeitet, werden auch mögliche Präventionsmaßnahmen beleuchtet. Die Motorkettensäge, als gefährliches und universelles Arbeitsmittel in der Grünen Branche, findet dabei besondere Berücksichtigung.
TN 6 widmet sich ganzheitlich der Gesundheit des deutschen Versichertenkreises und zeigt neben den einschlägigsten physischen Gefährdungen, die auch zu Berufskrankheiten führen können, die tragende Rolle von psychischem Wohlbefinden auf. Die Wirksamkeit von technischen und organisatorischen Maßnahmen wird im Rahmen von Lösungsansätzen herausgestellt.
TN 7 umreißt erfolgreiche und praxis-bewährte Präventionsmaßnahmen der Grünen Branche in Deutschland. Diese orientieren sich an den Ergebnissen des TN 3, der sich mit den Bedarfen des Versichertenkreises befasst. Aktuelle Maßnahmen zu den drei Präventionsschwerpunkten „Rinderhaltung“, „Traktoren und Maschinen“ sowie „Gesundheitsgefahren“ werden aufgezeigt. Für den Versichertenkreis maßgeschneiderte Gesundheitsangebote sowie politische Maßnahmen zur Förderung mentaler Gesundheit werden dargestellt.
TN 8 beschreibt, wie in Deutschland der Arbeits- sowie Gesundheits- und Arbeitsschutz in der Landwirtschaft organisiert ist und wo Verbesserungsbedarf besteht.
Im dualen Arbeitsschutzsystem in Deutschland setzt der Staat (Bund/Länder) Gesetze und Rahmenregeln, während die gesetzliche Unfallversicherung (im Agrarbereich vor allem die SVLFG) eine zentrale Rolle bei Prävention, Beratung, Aufsicht, Rehabilitation und Entschädigung spielt. Diese starke institutionelle Verankerung führt nach TN 8 aber auch dazu, dass Arbeitsschutz oft als „Aufgabe von außen“ wahrgenommen und an die Unfallversicherung delegiert wird, statt als eigenverantwortliches Thema in Betrieben und Verbänden gelebt zu werden.
Methodisch wurde für Deutschland eine Stakeholder-/Akteurskartierung (Importance–Influence–Interest Matrix) erstellt und in Workshops sowie einem National Policy Dialogue (u. a. während der Grünen Woche 2025 in Berlin) diskutiert. Dabei zeigte sich: Viele Akteure bekunden zwar hohes Interesse und Einfluss, aber in der Praxis ist Arbeitsschutz in der öffentlichen und digitalen Aufmerksamkeit (z. B. Social Media) auffällig wenig sichtbar.
Als Empfehlung betont der Bericht einen Kulturwandel: Arbeitsschutz soll nicht als bloße externe Pflicht oder Bürokratie erlebt werden, sondern als innerbetrieblicher Entwicklungsprozess. Maßnahmen und Regelungen sollten zudem darauf geprüft werden, ob sie praktisch wirksam sind oder nur zusätzliche Last erzeugen.
Im TN 9 wird aus nationaler Sicht hinterfragt, warum Sicherheitsgurte auf Traktoren trotz klarer Lebensrettungswirkung selten genutzt werden – und welche technischen sowie verhaltensbezogenen Maßnahmen das ändern könnten.
Rückblickend wird aufgezeigt, dass ein großer Sicherheitsfortschritt die Einführung von Überrollschutzsystemen (ROPS) in Deutschland ab 1970 bzw. die Nachrüstung bis 1977 war, wodurch tödliche Unfälle durch Traktorumstürze verhindert wurden. Gleichzeitig gilt: ROPS schützt zuverlässig nur zusammen mit angelegtem Gurt, weil der Gurt den Fahrer im „Schutzraum“ hält und ein Herausgeschleudertwerden verhindert.
Trotzdem ist die Gurt-Nutzung im Traktor-Alltag niedrig. Der Bericht stützt sich auf Interviews, einer Instagram-Umfrage sowie Gespräche mit Sicherheitsexperten. Ergebnisse: In Feldarbeiten wird der Gurt fast nie genutzt, auf der Straße nur gelegentlich. Hauptgründe sind eingeschränkte Bewegungsfreiheit und der Eindruck, dass Anschnallen bei kurzen Wegen unpraktisch ist. In der Instagram-Umfrage gaben 83% an, nie und nur 3% immer den Gurt zu tragen; 84% bewerten den Komfort als schlecht.
Die Experten betonen zusätzlich strukturelle Ursachen: Zwar sind Gurte in neuen Traktoren verpflichtend (mit langer Übergangsphase), aber viele ältere Maschinen sind noch ohne Gurt im Einsatz. Außerdem werde oft nur das gesetzliche Minimum verbaut (Beckengurt mit ALR System), obwohl ergonomisch bessere Lösungen (z. B. ELR Systeme oder Mehrpunkt-Gurte) die Akzeptanz erhöhen könnten. Kritisiert wird auch, dass die EU-Traktor-Verordnung im Vergleich zur Maschinenverordnung weniger Anforderungen (z. B. Warn-/Interlock-Systeme bei Nichtanlegen) setzt.
TN 9 formuliert ein Maßnahmenbündel: Aufklärung und Kampagnen, Nachrüstanforderungen (national/EU) für ältere Traktoren, finanzielle Förderung für komfortablere Gurtsysteme, Angleichung der Traktor-Regulierung an strengere Standards sowie die Entwicklung „intelligenter“ Gurtsysteme (z. B. Erinnerungen/Interlocks), die besser zu landwirtschaftlichen Arbeitsabläufen passen.
Technical Note 10 zeigt für Deutschland, welche Prioritäten Landwirte und Landwirtinnen für mehr Arbeitssicherheit setzen und wie sie am liebsten lernen, damit Prävention im Alltag besser funktioniert. In der Landwirtschaft als risikoreicher Arbeitsbereich spielt die SVLFG als gesetzliche Unfallversicherung mit Präventionsauftrag eine zentrale Rolle – was zugleich das Problem verstärkt, dass Arbeitsschutz oft „an die SVLFG delegiert“ wird, statt als eigene Verantwortung im Betrieb gelebt zu werden.
Kernstück des TN 10 ist eine kombinierte Befragung aus persönlichen Interviews und einer Online-Umfrage. Die Ergebnisse sind klar: Als wichtigste Stellschraube für einen sichereren Betrieb wird „Bewusstsein/Mindset für Risiken“ genannt, danach folgen PSA-Nutzung und sichere Maschinen/Ausrüstung.
Beim Lernen bevorzugen die Befragten vor allem Fachaustausch mit Kollegen und Kolleginnen (z. B. fachlich moderierte Diskussionsgruppen) und direkte 1:1-Unterstützung durch Experten und Expertinnen. Klassische Kursformate, Gespräche mit Familie/Freunden sowie vor allem Broschüren oder digitale Risiko-Tools/Apps werden am wenigsten attraktiv bewertet. In der Auswertung wird betont, dass Peer-Austausch regelmäßig, gut organisiert, verbindlich und moderiert stattfinden sollte – idealerweise auch vor Ort auf Betrieben.
Aus den Ergebnissen leitet der Bericht konkrete Ansatzpunkte für die SVLFG ab: Betriebsbesichtigungen und Auffrischungskurse könnten testweise stärker als Gruppen-/Workshopformate gestaltet werden (z. B. Betriebe mit ähnlichen Risikoprofilen zusammenbringen. Ziel ist, Risikokompetenz und Eigenverantwortung nachhaltiger zu stärken – Kontrolle und Sanktionen sollen erst als zweiter Schritt greifen.
Safe Habitus AKTIV
Wie können ethische Handelsmechanismen und Zertifizierungen dazu beitragen, Arbeitsbedingungen sowie Sicherheit und Gesundheitsschutz in der Landwirtschaft spürbar zu verbessern?
Ein SafeHabitus-Online-Policy-Workshop bringt dazu EU- und internationale Organisationen, Sozialpartner, landwirtschaftliche Verbände sowie Akteure aus Evaluation und Zertifizierung zusammen.
Im Mittelpunkt steht neue Forschung zu Lieferketten im Obst- und Gemüsebereich, die zeigt: Obwohl Corporate Social Responsibility (CSR) und menschenrechtliche Sorgfaltssysteme fortschrittlicher werden, stehen Einkaufs- und Preisdruck entlang der Lieferketten häufig im Widerspruch zu den geforderten sozialen Standards. Der Beitrag bündelt daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen – unter anderem an Supermärkte (z. B. faire Preise, Transparenz, stärkere Verankerung von Menschenrechten im Management) und an die EU (u. a. ambitionierte Umsetzung der Corporate Sustainability Due Diligence Directive).
Zugleich macht der Beitrag deutlich: Marktmacht kann Verbesserungen unterstützen, aber Regulierung nicht ersetzen. Nachhaltige Fortschritte entstehen durch das Zusammenspiel von staatlichen Vorgaben, verlässlichen Käufer-Lieferanten-Beziehungen und wirksamen Präventionsstrukturen im Agrar- und Ernährungssektor.
Die psychische Gesundheit von Landwirtinnen und Landwirten ist eine zentrale, bislang oft unterschätzte Herausforderung in der europäischen Landwirtschaft.
Der SafeHabitus-Policy Brief zeigt, dass Belastungen wie finanzielle Unsicherheit, Klimafolgen, hohe Bürokratie, lange Arbeitszeiten sowie soziale Isolation die seelische Gesundheit von Betriebsleitenden und Beschäftigten beeinträchtigen können. Zugleich machen geschlechterspezifische Faktoren die Situation komplex: Frauen stehen häufig unter besonderem Druck durch Mehrfachrollen, während bei Männern traditionelle Normen das Suchen von Hilfe erschweren.
Auf Basis eines Policy-Seminars mit EU-Akteuren sowie umfangreicher Forschungsarbeiten formuliert der Beitrag zehn konkrete, evidenzbasierte Empfehlungen. Im Fokus stehen u. a. nachhaltig finanzierte Unterstützungsangebote, stärkere Kompetenzen in Beratung und Weiterbildung, der Abbau administrativer Lasten, einkommensstabilisierende Maßnahmen, klima- und risikobezogene Absicherung, praxisnahe Finanz- und Rechtsberatung, besserer Arbeitsschutz (auch für Selbstständige), Lösungen für Arbeitszeit und Vereinbarkeit sowie eine ressortübergreifende Koordination und mehr Forschung.
Der Policy Brief macht deutlich: Wirksame Prävention und Unterstützung gelingen nur durch abgestimmtes Handeln von Politik, Institutionen und landwirtschaftlichen Organisationen.