Sicher arbeiten im Schadholz

Befallene Bäume haben ein hohes Gefahrenpotenzial durch Totholz in der Krone. Hier erfahren Sie mehr über Maßnahmen zur Risikoreduzierung.

Wald im Ausnahme­zustand

In den ersten acht Monaten des Jahres 2019 verzeichneten wir mehr Tote bei der Waldarbeit als im gesamten Jahr 2018. Die 30 tödlichen Unfälle bis Ende Oktober sind Anzeichen einer alarmierenden Entwicklung. Drei Viertel der Unfälle ereignen sich bei Fällarbeiten.

Kalamitäten mit hohem Schadholzanteil hat es schon immer gegeben. Die Besonderheit der derzeitigen Situation ist jedoch, dass deutschlandweit, ja sogar europaweit, praktisch alle Hauptbaumarten betroffen sind.

Kronentotholz in einer absterbenden Buche

Befallene Bäume haben ein hohes Gefahrenpotential durch Totholz in der Krone, das sich schon bei leichter Erschütterung lösen und zu schweren Unfällen führen kann. 

Besonders große Sorgen bereitet die Buche. Im belaubten Zustand sind Trockenschäden relativ gut erkennbar. Jedoch ist eine sichere Baumansprache nach dem Laubabfall faktisch nicht mehr möglich. Die geschädigten Bäume sollten daher unverzüglich gekennzeichnet werden, auch wenn der zeitnahe Einschlag aufgrund anderer Arbeitsspitzen nicht möglich ist. Dies ermöglicht es später beim Aufsuchen des Baumes klar zu erkennen, welcher Baum besonders geschädigt ist.

Eine zusätzliche Gefahr stellen Grünastabbrüche dar. Auch an vermeintlich gesunden Bäumen kann durch die Belastung des Laubes oder durch Fäulnisstellen an den Astansätzen keine ausreichende Holzstabilität vorhanden sein.

Viele Waldbesitzer stellen derzeit Überlegungen an, bei sehr stark geschädigten Beständen das Schadholz „einfach“ stehen zu lassen. Es muss dann aber klar sein, dass in diesen Beständen eine Bewirtschaftung in einem längeren Zeitraum von teilweise über 10 Jahren nicht mehr möglich ist, da die Gefahr von zusammenbrechenden Bäumen mit der Zeit immer größer wird. Dies bedeutet, dass Pflanzung, Jungbestandspflege, Maßnahmen zur Bestandessicherung und auch die Jagd in diesem Zeitraum komplett ruhen.

Hinsichtlich der Verkehrssicherungspflicht würde dies zudem die Vollsperrung des kompletten Waldes bedeuten.

Ohne Fachkunde geht es nicht

Ausbilder mit Lehrgangsteilnehmern

Als wichtigste Voraussetzung für sicheres Aufarbeiten von Schadholz ist die Fachkunde des Ausführenden zu nennen. 

Eine gesonderte Schulung und anlassbezogene Unterweisung sind  vor Arbeiten im Schadholz unumgänglich.

Hier finden Sie Anbieter für Motorsägenlehrgänge in Ihrer Region:

Maßnahmen zur Risiko­reduzierung

Beurteilung des verbleibenden Restrisikos in letzter Minute

Vor jeder Maßnahme steht die situative Gefährdungsbeurteilung an, die bestandsbezogen zu erfolgen hat. An jedem einzelnen Baum muss eine gesonderte Baumbeurteilung durchgeführt werden. Die Abwägung objektbezogener Aufarbeitungsalternativen ist stets erforderlich. 

Das Personal entscheidet, ob ein Baum stehen bleibt, wenn er mit der zur Verfügung stehenden Ausrüstung nicht sicher bearbeitet werden kann.

Für die Beurteilung stellen wir Ihnen hier eine Checkliste zum Download zur Verfügung.

Schadholz ist Maschinenholz

Bei der Bearbeitung von stehendem Schadholz, insbesondere von Laubschadholz und anbrüchigem Nadelholz, ist am Baum weitestgehend erschütterungsfrei zu arbeiten. Beim eigentlichen Zufallbringen des Baumes sind Arbeitsverfahren anzuwenden, die technisch sicher sind oder den  Abstand zum fallenden Baum ermöglichen. In der Reihenfolge des Sicherheitsniveaus sind das:

  1. Vollmechanisierung (Harvester, Bagger, Fällkran)
  2. Seilwindenunterstütztes Fällen und Umziehen 
  3. Fällung mit fernbedienbaren technische Fällkeilen

Die erste Wahl beim Einschlag von Schadholz ist immer ein vollmechanisiertes Verfahren. Es gilt der Grundsatz: Schadholz ist Maschinen-Holz. Ist eine vollmechanisierte Aufarbeitung aufgrund der Erreichbarkeit nicht möglich, stehen die beiden Alternativverfahren zur Auswahl.



  • Bestandesauswahl
  • Bestandesvorbereitung
  • situative Gefährdungsbeurteilung
  • Vollmechanisierung
  • Teilmechanisierung
  • Erschütterungsarmes Zufallbringen
  • zeitlich entkoppeltes Zufallbringen aus sicherer Entfernung
  • fachkundig geschultes, unterwiesenes Personal
  • Kontrolle der fachkundigen Arbeitsweise

Arbeitsverfahren nach Risiokoabstufung

Laubschadholz im Wald

Schadholz ist Maschinenholz

Vollmechanisierung mit Harvester, Bagger, Fällkran ist das sicherste Arbeitsverfahren und daher generell vorzuziehen. 

Dabei ist auf die Kabinenschutzklasse zu achten. Insbesondere bei Baggern muss das Führerhaus mit einem Abbruch- oder Steinbruch FOPS gesichert sein. (OPS-Schutz bei Sägeaggregat)

Eine Alleinarbeit des Maschinenführers ist hinsichtlich der Arbeitserfordernisse wie gemeinsame Baumbeurteilung und Hilfestellung zur Positionierungseinweisung des Aggregats sowie ggf. Vorbereitungsarbeiten mit der Motorsäge zu prüfen.

Eine Kralle und Seil am Baum befestigt

Erschütterungsfrei und mit Abstand zum Baum

Bei der Variante seilunterstützte Fällung ist vorrangig der Einsatz von Baumzugseilen im Zusammenhang mit dem KAT Verfahren (Königsbronner Anschlagtechnik) zu wählen. Es ist grundsätzlich anzustreben, dass sich keine Personen im Gefahrenbereich unterhalb der Baumkrone aufhalten, wenn diese durch Arbeitsmaßnahmen Erschütterungen ausgesetzt ist. Dies kann bereits beim Vorspannen des Windenseils geschehen. Die „Sicherheits- oder Totholzkralle“ (siehe Bild) ermöglicht ein Anziehen des Seiles, ohne dass das Baumzugseil händisch am Baum hochgehalten wird. Durch das Anstellen der Schubstange kann bei astfreien Stämmen so bis zu 4 Meter Höhe am Baum angeschlagen werden.

In Verbindung mit der Sicherheitsfälltechnik mit stark (15 - 20 cm) unterschnittenem Sicherheitsband als Regelfälltechnik ist dies eine sehr sichere Variante für Problembaumfällungen. Auch die seilunterstützte Fällung von stärkeren Rückhängern ist so möglich. Hierbei ist die Fälltechnik mit negativer Bruchstufe mittlerweile Stand der Technik.

Wichtig ist es, den einzuhaltenden Gefahrenbereich zu beachten und ggf. weiter zu fassen. Bei der Baumbeurteilung von Schadholz ist immer ein mögliches Umziehen zu prüfen (starke Anbrüchigkeit bzw. Fäule prüfen).

Funkgesteuerter Fällkeil im Baum
Foto: Firma Forstreich

Mit Abstand zum Baum beim Zufallbringen

Falls eine seilunterstützte Fällung nicht möglich ist (aufgrund fehlender Feinerschließung, Gelände) bietet sich ein weiteres Verfahren mittels fernbedienbarem technischen Fällkeil an. In der Praxis finden derzeit zwei Modelle Anwendung. Beide Modelle haben einen lebensrettenden Vorteil: Abstand zum Baum, wenn dieser sich beim Zufallbringen zu bewegen beginnt.

Auch hier wird mit der Sicherheitsfälltechnik mit leicht (ca. 5 cm) unterschnittenem Sicherheitsband als Regelfälltechnik gearbeitet. Die Nutzung des FFK erfolgt entsprechend der Bedienungsanleitung, also immer produktbezogen.

Die Fällung mit FFK ist nur für normalerweise keilbare, normal stehende Bäume anwendbar. Es ist sicherzustellen, dass der Baum auch durch Fernbedienung fällt! Die Holzfasern müssen hierfür im Druckbereich des Keils noch stabil sein.